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Francesco Carofiglio con Bari sul Frankfurter Allgemeine Zeitung Stampa E-mail
Scritto da Von Dirk Schumer - Frankfurter Allgemeine Zeitung   
giovedì, 06 marzo 2008 18:12
     Frankfurter Allgemeine Zeitung 26. Feb. 2008


E' apparso il 26 febbraio 2008 - su uno dei più importanti quotidiani tedesci - un articolo sul nostro concittadino Francesco Carofiglio, autore di gialli conosciuto a livello internazionale. Lo pubblichiamo in originale in attesa di una traduzione. telestreetbari



Krimiautor und Staatsanwalt Carofiglio
In Apulien haben wir die Gangster im Griff
In diese Altstadt konnte man abends nicht mehr gehen. Da war die „unsichtbare Linie” irgendwo hinter der Piazza del Ferrarese, und Gianrico Carofiglio zeigt ins Gewirr der Gassen: „Dahinter patrouillierten immer die Taschenräuber und die Dealer auf ihren Mopeds. Wer da reinging, dem konnte alles passieren.”

In diese Altstadt konnte man abends nicht mehr gehen. Da war die „unsichtbare Linie” irgendwo hinter der Piazza del Ferrarese, und Gianrico Carofiglio zeigt ins Gewirr der Gassen: „Dahinter patrouillierten immer die Taschenräuber und die Dealer auf ihren Mopeds. Wer da reinging, dem konnte alles passieren.”
Carofiglio muss es wissen. Nicht allein, dass er als Staatsanwalt in Bari die Gangster beruflich kennt. Er ist auch in der Stadt an der Adria geboren und aufgewachsen. Den kaum verständlichen Dialekt hat er nicht daheim in seiner bürgerlichen Familie gelernt, sondern beim Karate. „Wenn man da ein Wort falsch versteht, kann das fatale Folgen haben.” Viel später, erzählt er, traf er viele Sportkameraden vor Gericht wieder - „auf der anderen Seite”.

Die Liebe zur Literatur und die Liebe zu Bari

Außer seinem Job als Staatsanwalt ist Carofiglio, Jahrgang 1961, vor ein paar Jahren einer alten Leidenschaft gefolgt. Er schreibt Bücher. Seine Kriminalromane um den baresischen Anwalt Guido Guerrieri sind in Italien über eine Million Mal verkauft worden und auch in Deutschland Bestseller; der zweite von bisher drei Titeln - „In freiem Fall” - wurde 2007 zum Krimi des Jahres gewählt. Dass der Autor in der Staatsanwaltschaft beruflich mit dem Organisierten Verbrechen zu tun hat, macht sich gut auf dem Klappentext. Doch Carofiglio schreibt nicht über die großen Gangster der Camorra und Mafia, und autobiographisch sind seine Bücher, sagt er, schon gar nicht. Oder doch?

Ein paar Übereinstimmungen zwischen Lebenswirklichkeit und Fiktion gibt es nämlich. Wenn sein Avvocato Guerrieri aus dem Untersuchungsgefängnis oder dem Gericht heimkommt, dann lebt er seine Passion für Kampfsport, indem er mit Boxhandschuhen auf einen Sandsack eindrischt. Schließlich bedeutet der Name des Anwalts auf Deutsch: „Kämpfer”. Wie Guerrieri liebt auch sein Autor amerikanischen Rock und afrikanische Ethnoklänge. Und dann sind da die beiden großen Leidenschaften, die Guerrieri und Carofiglio einen: die Liebe zur Literatur und die Liebe zu Bari.

Der Stolz einer ganz eigentümlichen Stadt

Es könnte daher gut eine Passage aus einem seiner Romane sein, wenn Carofiglio mit uns abends durch die Fußgängerzone der Neustadt eilt. Im Großraum Bari versorgen zwei Buchhandlungen das Publikum bis spät am Abend, und Carofiglio beginnt auch gleich unter den Neuerscheinungen der weißlackierten Laterza-Filiale unweit der Universität, an der er selber Jura studiert hat, eifrig zu stöbern. Aber halt - so simpel schildert ein guter Autor seine Stadt denn doch nicht ab. Es war, erzählt Carofiglio, andersherum: Er ließ seinen Helden nachts im Geschäft schmökern und mit dem Buchhändler philosophieren; erst danach machten zwei Läden auf, die diesem Ideal gleichkamen. „Doch die Betreiber sagen, sie hätten meine Bücher gar nicht gelesen.” Ist es also die Wirklichkeit, die die Literatur kopiert?

In Bari ist Carofiglio ein Star, Stolz einer ganz eigentümlichen Stadt, die in Italien zu Unrecht als abgelegen wahrgenommen wird. Durch Carofiglios Brille wird die Metropole des riesigen Agrarlandes Apulien denn auch keineswegs zu einem Sündenpfuhl der Großkriminalität und der Mafia. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf sein erlerntes Gewerbe und hat das alte Genre des „legal thriller” zu neuen Höhen geführt. Es mag mit der Übersättigung des Publikums durch bluttriefende Serienkiller- und Bandenkriegsliteratur zu tun haben, dass der bewusst betuliche Fortgang der Guerrieri-Romane so viele Fans findet. Wo bei manchen Kollegen mit der Faust ermittelt wird, nimmt Carofiglio seine Leser mit in die staubigen Flure des Gerichts, macht Beweisanträge und Vertagungsbeschlüsse zu wichtigen Handlungsknoten, diskutiert mit dem Angeklagten Strategien der Verteidigung. Und am Ende kommt statt sadistischer Abrechnungen ein mühseliger Freispruch erster oder zweiter Klasse heraus - ganz unspektakulär wie im richtigen Leben.

Keineswegs die langweilige „apulische Pampa”

Da ist es kein Zufall, dass dieser Autor gerade eine italienische Sammlung mit Essays zur rhetorischen und analytischen Kunst der Juristerei auf den Markt gebracht hat: „L'arte del dubbio” (Die Kunst des Zweifels) erzählt mehr von der beruflichen Sorgfalt und Zähigkeit des Autors Carofiglio als etwa der knallharte Kriminalcomic, den er mit seinem Bruder und Zeichner Francesco konzipierte. In den schwarzweißen Killerbildern leben die Carofiglios ihre Liebe zum amerikanischen Action-Film aus. Mit Personal aus den Romanen erscheint dieses Bari als eine Stadt von Kinderhandel und tödlichen Boxkämpfen, von Vorstadtslums und Hafenprostitution - eine adriatische Bronx und keineswegs die langweilige „apulische Pampa”, mit der Carofiglio in seinen Romanen gern kokettiert. Sogar Anwalt Guerrieri eilt in erratischer Rückenansicht durch den Comic, um einer Ermittlerin schöne Augen zu machen.

Die Frauen von Bari - bei diesem Thema scheint die Parallele zwischen Krimi und Staatsanwalt endgültig in die Brüche zu gehen. Guerrieri ist ein ganz unmachistischer Haderer, den regelmäßig Verlobte und Geliebte im Stich lassen und der doch trotz aller Depressionen niemals von der Verlockung durchs andere Geschlecht loskommt. In seiner Lieblings-Osteria unweit der ewigen Baustelle des Petruzzellitheaters erzählt Carofiglio von seiner Familie: Seine Frau arbeitet gleichfalls als Staatsanwältin, zwei halbwüchsige Kinder gehen noch zur Schule. Ob sie auch Juristen werden? Carofiglio lächelt tiefsinnig. Ihm hat seine Berufswahl nicht nur Stoff und Struktur seiner Romane mitgegeben; er arbeitet seit einem Jahr als Berater der staatlichen Anti-Mafia-Kommission beim Parlament in Rom, fliegt einmal die Woche in die Hauptstadt und bewertet zufrieden die Arbeit der Sicherheitsorgane: „Wenn wir die Camorra von Neapel und die 'ndrangheta in Kalabrien nicht hätten, könnten wir Statistiken wie in Skandinavien vorweisen. In Sizilien und hier in Apulien haben wir die Lage endlich besser im Griff.”

Seine Fälle könnten überall spielen

Doch Konkreteres lässt er sich über seinen Erstberuf nicht entlocken. Carofiglio plaudert über seine Lieblingsautoren, in der deutschen Literatur sind das Kafka und Thomas Mann, aber der unersättliche Leser schätzt auch den sachlichen Stil vieler amerikanischer Gegenwartsautoren. Die Kriminalfälle Guerrieris haben inzwischen sogar jenseits des Atlantiks Erfolg. Beim internationalen Publikum kommt die dichte Beschreibung der gemischten Wohnviertel und des historienfreien Alltags in Bari gut an, Carofiglio nutzt die pittoresken Altstadtwinkel um die Kathedrale San Sabino und die weltberühmte Nikolauskirche bewusst wenig und stellt lieber das Italien der Einwanderer und Büroangestellten, der hässlichen Bars und lauten Wohnblocks in den Mittelpunkt. Der Fall um den einstigen Faschisten, dem in „Das Gesetz der Ehre” Drogendealer Kokain ins Urlaubsauto schmuggeln und der dafür beinahe sein Leben im Knast verbringen muss, könnte überall in Europa spielen.

Wo sein Avvocato eigentlich in Bari wohnt - diese Frage stellte sich Carofiglio erst, als eine deutsche Lesergruppe ihn vor Ort besuchte. „Es ist wohl dieses Haus dahinten”, sagt der Autor auf dem Rückweg vom Essen und zeigt auf einen Wohnblock mitten in der Neustadt. Damit das touristische Flair seiner Stadt aber nicht dauerhaft zu kurz kommt, hat sich der Autor eine Schreibwohnung direkt im uralten Hafenwall zugelegt. Wenn er das Fenster öffnet, hört er Meereswellen und blickt ins tiefe Blau.

War hier nicht die verbotene Zone?

Drinnen ist seine Dichterklause weiß getüncht und mit modernen roten Möbeln und einem großen Marilyn-Poster ausgestattet. Wie ein ironischer Gruß steht eine Reiseschreibmaschine mit einem eingespannten Blatt Papier im Regal. Geschrieben habe er hier noch nicht viel. Meistens entstehen die Bücher im Alltagschaos; aber es sollen ja noch einige folgen. Es müssen nicht unbedingt Krimis sein, die er sowieso eher „als Entwicklungsromane” versteht. Und Carofiglio lässt offen, ob er die Entwicklung seines Anwalts Guerrieri meint oder die des Autors. Jedenfalls schreibt er im Augenblick an einem literarischen Porträt von Bari, und da spielen Verbrechen eine Nebenrolle.

Die Liebe zu dieser Metropole am Rande der See, am Rande Italiens, am Rande Europas kann man Carofiglio dabei mit gutem Grund abnehmen. Ein paar Meter neben seinem Loft stehen plötzlich Schilder auf Kyrillisch, weil hier viele tausend Russen übers Jahr zu ihrem heiligen Nikolaus pilgern und an seinem Grab mit Weihrauch und Gesang orthodoxe Messen feiern. Im Hafen liegen die Fähren nach Albanien, Griechenland und in die Türkei wie zu den Glanzzeiten, da Bari wichtigster Hafen der Kreuzfahrer war. Keine andere Stadt in Südeuropa blickt derart hartnäckig und sehnsuchtsvoll nach Osten.

Spätnachts sitzen wir mit Carofiglio im Auto und fahren zum Messegelände. Mussolini ließ - mit begehrlichem Blick auf Kolonien in Afrika - die Häuser der „Fiera del Levante” im Stil einer libyschen Festung hochziehen. Dieser leicht surreale Eindruck bleibt auch beim Bummel durch die Altstadt, wo der nächtliche Flaneur Carofiglio uns abgesetzt hat. War hier nicht die verbotene Zone? Der Patron einer Weinbar, die den treffenden Namen „Porta del Oriente” trägt und sowohl von Carofiglio als auch von seinem Avvocato gern besucht wird, kann unsere Bedenken zerstreuen. „Die Kleinkriminellen haben wir alle in den Knast gesteckt. Ich weiß das genau, ich arbeite tagsüber als Polizist.” Er lacht und entkorkt einen vollen apulischen „Primitivo”-Rotwein. Das ist eben Bari: eine angenehm levantinische Stadt, wo Staatsanwälte Krimis schreiben und Polizisten Kneipen betreiben.

F.A.Z., 26.02.2008, Nr. 48 / Seite 42
Dirk Schümer

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